Auch wenn die meisten von euch es wohl nicht glauben können, aber ich bin wieder aus Russland zurückgekehrt, heil und unversehrt. “I’m back from the USSR, you don’t know how lucky you are boy”, um mal die Beatles etwas entfremdet zu zitieren
Nein, im Ernst, es war richtig schön und gar nicht so anders und gefährlich wie ich gedacht habe.
Angefangen hat das ganze am Mittwoch, den 19.10.05 mit der Hinreise: Mein Wecker klingelte um 4:35 Uhr. Das gab mir genug Zeit noch etwas zu frühstücken, Brote zu schmieren und noch einen letzten Blick durch mein Zimmer zu werfen und trotzdem noch pünktlich um 06:10 den Zug nach Kouvola zu nehmen. Dort wartete der Reisebus auf uns, er war zwar schon mit ein paar Leuten besetzt, aber vorne gab es noch genug Platz für uns Joensuuaner. Die Fahrt bis zur Grenze war logischerweise nicht sehr spekatuklär, die Grenzkontrollen waren dafür eher streng. Da das mit dem Visum aber bei allen problemlos geklappt hatte, gingen sie aber problemlos von statten. Interessanterweise haben die Finnen bei der Ausreise mindestens genauso streng kontrolloiert wie die Russen bei der Einreise. Ich frage mich schon, was ich aus Finnland nach Russland schmuggeln wollen würde… Zigaretten wohl kaum. Wie wir nämlich in Vyborg, dem ersten Dorf hinter der Grenze selbst erfahren durften, kostet die Stange Zigratten in Russland nur etwa 5 EUR. Es steht dann auch Marlboro drauf, die Frage ist halt was drin ist
Nach ein paar weiteren Stunden Fahrt durch langweilige russische Landschaft und über sehr holprige russische Straßen kamen wir nach St. Petersburg. St. Petersburg ist mal eine richtig schöne Stadt, auch wenn wir natürlich bei der Ankunft nicht viel davon gesehen haben, außerdem dem Stadion und dem Verkehrchaos. Unser Hotel Sovetskaya war nicht so richtig der Bringer, eine etwas bessere Jugendherberge. Auch der Dinner den wir da bekamen hat mich nicht vom Hocker gerissen, aber immerhin war das Essen warm. Das konnte man von den Zimmern nicht behaupten, anscheindend wurde erst am Tag vorher die Heizung angeschaltet. Nach dem Abendessen mussten wir natürlich noch ein bißchen die Stadt unsicher machen gehen, allerdings ist es nicht so einfach in einer großen Gruppe ein gemeinsames Ziel zu finden. Latitia, Maxim (beides Franzosen), Thomas, Rötzi, Stefan, Martin, Ellen und ich (alles Deutsche) beschlossen in den Club Griboyedov zu gehen. Mit der Metro zur richtigen Station zu fahren, war kein Problem, für 10 RBL (nicht ganz 30 Cent) kann man da einfach einsteigen und so weit fahren wie man will. Dort wussten wir allerdings nicht so genau wohin und fragten kurzerhand eine von den herumstehenden Russinen. Dabei hatten wir richtig Glück, sie wollte nämlich auch dorthin und hat nur noch auf ein paar Freundinnen gewartet. Als die dann kamen sind wir zusammen in den Club geschlappt, haben 200 RBL Eintritt gezahlt und sind die Treppe runter. Da standen wir dann ein einem Kellergewölbe, dass fast wie ein Wohnzimmer eingerichtet war: bequeme Sessel, Bücherregale an der Wand und einen Kicker
Beim ein paar Bier für 50 RBL haben wir uns dann gut auf Englisch mit den Russinen unterhalten und die Franzosen beim kickern plattgefahren. An dem Abend war Retro-Night und es kam anscheinend Musik aus den 80er Jahren, aber natürlich russisch. Ist sehr lustig und die Russen sind auf der Tanzfläche nebenan auch total abegangen. Also wir dann gegen 3 heim wollten, fuhr natürlich keine Metro mehr, aber zwei der Russinen haben uns noch heimbegleitet, war etwa eine halbe Stunde Fußweg. Mit den beiden haben wir dann auch gleich für den nächsten Tag wieder ein Treffen ausgemacht.
Der nächste Tag war logischerweise Donnerstag, der 20.10. und begann mit einer Sightseeing-Tour von St. Petersburg. Jetzt endlich konnte man die tollen Gebäude der Stadt sehen, die St. Isaaks-Kathedrale zum Beispiel oder das State Hermitags Museum. Und natürlich öfters mal einen Fotostop gemacht und überall gleich die Toursitenfänger getroffen, die ihre billigen Fellmützen und Matroschkas und Postkarten und und und an den Mann bringen wollen. Ich bin fast der Versuchung erlegen eine russische Militärkappe zu kaufen, hab mich dann aber doch lieber nur für eine Matroschka entschieden. Nach der Sightseeing-Tour haben wir uns noch das Hermitage-Museum angeschaut, das ist eine Kunstgallerie, vergleichbar mit dem Louvre oder den Uffizien. Riesig groß und ein total geniales Gebäude. Und Studenten kommen umsonst rein
Da wir aber alle nicht so die großen Kunstfreaks sind, waren wir nach 2h fertig und sind erstmal in Stroganoff Palace zum Essen gegangen. Und was ist man im Stroganoff Palace außer Boef Stroganov? War auch gar nicht schlecht und die Kellner haben sogar etwas Englisch verstandne. Danach haben wir uns mit unseren neuen russischen Freundinnen getroffen, die eigentlich mit uns Essen gehen wollten, da wir aber ja gerade gegessen hatten und von der Zeit her etwas knapp dran waren, sind wir nur ein bißchen durch die Sommergärten geschlendert und das schöne Herbstwetter genossen. Darüber haben wir fast die Zeit vergessen, und mussten uns mit dem Heimweg zum Hotel sehr beeilen, weil wir pünktlich um 19 Uhr da sein sollten um eine Neva-River-Cruise zu machen. Mit dem Beeilen wars nicht so einfach, weil natürlich gerade Rush-Hour war und die russische Metro richtig voll war. Es hatte den Vorteil, dass man nicht mehr selber laufen musste, weil man ganz einfach geschoben wurde. Der Nachteil war, dass irgendjemand das Chaos nutzte und dem Martin seinen Geldbeutel geklaut hat. Aber mit 300 EUR hat er jetzt vielleicht einen armen Russen glücklich gemacht. Geschafft haben wir es aber dann doch noch pünktlich zum Treffpunkt. Die River-Cruise hat mich persönlich nicht so sehr überzeugt, man saß in dem Boot fast auf der Wasseroberfläche und konnte dadurch kaum über die Kanalufer schauen und sah so sehr wenig von der Stadt. Als Unterhaltung war eine kleine Gruppe russicher Musikanten da, die dann auch das Publikum aufgefordert hat mitzumachen. Ist nicht so mein Fall… Das beste an der ganzen Fahrt war, dass es pro 4er-Tisch eine Flasche Wodka gab. Den Franzosen am Nachbartisch hat die allerdings nicht gereicht und sie haben sich vorsichtshalber gleich zwei weiter gekauft. Das war dann mehr als genug für die Latitia, die wir dann heimtragen durften. Da sie mehr oder weniger gar nicht mehr reagiert hat, haben wir im Hotel dann den Notarzt gerufen, der sie gleich mal ins Krankenhaus mitgenommen hat. Am nächsten Tag gings ihr aber wieder so weit gut, nur Wodka will sie immer noch nicht wirklich trinken.
Am Freitag, den 21.10. gings dann zu Catharina’s Palace den irgendein Zar für seine Frau oder Katharina die Große für sich oder was weiß ich bauen hat lassen. Sehr imposantes Gebäude, aber dafür auch eine totale Massenabfertigung. Wir standen erstmal 20min an der Garderobe an um dann in einer Führung durch die Räume geschleust zu werden. Viel verstanden hab ich nicht, aber viel Gold hab ich gesehen. Dem Bernsteinzimmer durften wir auch noch einen Besuch abstatten, hat mich aber auch net so richtig vom Hocker gerissen. Alles in allem nix besonderes, das Schloss Ludwigsburg kann man sich auch anschauen, wenn man nicht bis Russland fahren will
Nachmittags hatten wir “Free time” und sind noch etwas durch St. Petersburg gelaufen. Mittagessen haben wir in einem Art Döner eingenommen, wobei uns beim bestellen eine nette geholfen hat, da die Bedingungen kein Wort Englisch sprachen. Das ist sowieso sehr interessant in Russland: wenn man auf der Straße fragt, trifft mans sehr oft jemanden der gut Englisch kann und einem hilfsbereit was erklärt. Wenn man aber in einem Laden was kaufen will, kann da keiner Englisch. Sehr seltsam. In den Metrounterführungen haben wir dann noch die russischen Plattenläden kennengelernt: eine Wand voll mit CDs die alle für 80 bis 140 RBL verkauft werden. Also extrem günstig, denn es gibt da alle aktuellen Alben. Natürlich nicht so ganz orginal, aber immerhin gepresst. Dafür sind die Cover meistens mit einem schlechten Farbdrucker ausgedruckt und sehen offensichtlich gefälscht aus. Ich hab mir gedacht, wenn ich die Musik mir schon illegal beschaffe, kann ich sie auch aus dem Netz runterladen, dann muss ich die CD schon nicht rippen *g*
Um 20:00 gings dann in den Bus um über Nacht nach Moskau zu fahren. In Moskau kamen wir früh am Samstag, den 22.10 an. Bevor uns im Hotel frisch machen konnten oder so, bekamen wir noch eine Sightseeing-Tour, wobei das wichtigste natürlich der Rote Platz und das Lenin Mausoleum waren. Der Rote Platz ist schon recht beeindruckend, dort steht ja auch die Kirche die man bei jedem Moskau-Korrespondente im Hintergrund sieht. Während der Tour fuhren wir auch zum Sparrow Hill, dort hat man einen sehr schönen Blick über Moskau und hinter sich die Univeristät. Die Uni ist in einem der Hochhäuser die Stalin bauen ließ und damit entsprechend beeindruckend. Aber nicht nur die Uni ist in so einem Hochhaus, sonder auch unser Hotel war in einem solchen. Richtig schönes Hotel, mit dicken Teppichen auf dem Boden und allem. Dort haben wir uns erstmal kurz ausgeruht um dann Abends noch auszugehen. Ellen, Martin und ich sind in den Moskauer Stadtzirkus gegangen. Da ich schon ewig nicht mehr im Zirkus war, war es richtig klasse dort, auch wenn ich denke, dass es größtenteils Standardzirkusprogramm war. Besonders beeindruckt haben micht die Inlineskater-Artisten und die Katzendompteur-Show. Nach dem Zirkus sind wir nochmal in die Stadt gefahren, in der Hoffnung die anderen zu treffen. Allerdings funktioniert Handy und SMS in Russland nicht sehr zuverlässig und so sind wir über den Roten Platz nach Hause gelaufen. Auf dem Roten Platz ist uns was ganz verrücktes passiert: auf einmal kam eine Russin her und hat gemeint, heute wäre der glücklichste Tag in ihrem Leben und sie würde uns deswegen gerne umarmen. Da sie eigentlich ganz freundlich gewirkt hat, haben wir den Spaß mal mitgemacht, ich hatte dabei aber natürlich die ganze Hand am Geldbeutel. Sie wollte aber uns scheints wirklich nru einen Teil von ihrem Glück abgeben…. Leute gibts.
Am nächsten Tag, Sonntag, der 23.10. gings dann in den Kreml. Hier hatten wir eigentlich eine ganz nette Führerin und haben uns dort eben den Palast und den Sitz vom Putin und verschieden Kirchen angeschaut. Die ganzen Geschichten die uns erzählt worden sind hab ich mir nicht mal ansatzweise merken können und statt dessen lieber ein paar Fotos gemacht. Nach dem Kreml haben wir noch die Armory und das dazugehörige Museum angeschaut. Eigentlich wollten wir auch beim Lenin noch vorbeischauen, allerdings macht dessen Mausoleum um 13:00 zu und als wir uns um halb ein anstellen wollten, wars schon zu spät. Faszinierend das so viele Leute einen Toten sehen wollen. Den Nachmittag verbrachten wir mehr oder weniger sinnlos mit Essen und Kaffee trinken, weil das Wetter war nicht so überzeugend, dass man noch in Gorky Park o.ä. fahren hätte müssen. Wobei ich natürlich eigentlich schon wegen “Wind of Change” “walking the Moscva, down to Gorky Park” hätte machen müssen. Nächstes Mal. Wobei ich von Moskau jetzt nicht so überzeugt bin, irgendwie gibts da außer Roten Platz und Kreml und den paar Hochhäusern und 10 Millionen Einwohnern nicht viel. St. Petersburg ist eindeutig schöner. Und da sind wir auch wieder hingefahren, wieder mal über Nacht im Bus.
Am Montag den 24.10. kamen wir also wieder im Venedig des Ostens an. Diesmal gings gleich ins Hotel, wo wir uns nochmal 2h ausruhten, bevor wir ein weiteres Mal an den Kanälen und Herrschaftsgebäuden entlang flanierten. Unser Ziel war die St. Isaaks-Kathedrale, sie hat die viertgrößte Kuppel der Welt. In der Kathedrale ist ein Museum eingerichtet, dass über Geschichte und Bau von ihr berichtet. Richtig interessant und richtig beeindruckend. Überall goldene Ikonen an der Wand und ewig viele schön geschnitzte und vergoldete Figuren. Man konnte auch auf die Kuppel rauf und dort einen recht schönen Rundumblick über St. Petersburg mit seinen goldenen Dächern. Danach wollten wir noch in das Artilleriemuseum, das aber Montags leider zu hat
Stattdessen schauten wir uns noch ein bißchen die Peter-und-Paul-Festung an, die liegt auf einer Insel mitten in der Neva und hat auch sehr schön vergoldete Spitzen. Außerdem gingen wir noch in das größten Kaufhaus am Ort, wobei das kein Kaufhaus im eigentlich Sinne ist sondern eher eine Indoor-Shoppingmall. In dem einen Supermarkt haben wir uns dann noch mit guten russischem Wodka eingedeckt, schließlich darf jeder 1 Liter mit über die Grenze nach Finnland nehmen. Abends gings dann nochmal in einen anderen Club. Da wir alle kaum noch Rubel hatten entschieden wir uns für den billigsten, das Marstall. Es kostet keinen Eintritt für Nicht-Russen und das Bier auf nur 50 RBL. Eingerichtet ist es wirklich ein bißchen wie ein alter Pferdestall, vorallem viele Holzbalken an der Decke und ein Balkon mit Sicht über die Tanzfläche. Das krasseste ist aber, das dort an der Tanzfläcke immer zwei Gogo-Tänzerinnen sind, die mehr oder weniger gar nicht bekleidet da rumzappeln. Ich will glaub gar net wissen, wie der Laden sein Geld verdient. Auf jeden Fall hatten wir noch richtig Spaß und haben unseren Reisebegleiter, den Mikko noch etwas abgefüllt, so dass er am nächsten morgen einen richtig dicke Kater hatte. Auch hier mussten wir leider wieder heimlaufen, weil für 7 Leute gibts auch kein Taxen. Ging aber ganz gut und 3h später klingelte mein Wecker und es ging in den Bus.
Rückreise am Dienstag den 25.10. war angesagt. Gibt kaum was darüber zu berichten, Grenze erfolgreich und problemlos passiert und wir haben in Kouvola sogar den Zug bekommen, so dass ich um 21:00 wieder in meiner Wohnung war.
Alles in allem war es ein richtig geiler Ausflug, wir hatten sehr viel Spaß und vorallem St. Petersburg ist eine wunderschöne Stadt. Die Bilder gibts natürlich wieder unter gallery.verplant.org/finnland und alle die noch mehr lesen wollten, können das in Stefans Blog tun. Morgen gehts gleich weiter nach Lappland, allerdings nur kurz übers Wochenende. Deswegen war heute ausruhen und waschen angesagt, was auch soweit geklappt hat. Außerdem haben wir hier in Joensuu jetzt Schnee, für alle dies noch nicht wissen. Sehr faszinierend, im noch recht schöne Herbst mit etwa 15°C losgefahren und eine Woche später im tiefsten Winter mit -5°C angekommen. Gut, tiefster Winter für deutsche Verhätnisse, hier wirds sicher noch anderes aussehen… aber es ist schonmal gut sich ans Fahrradfahren auf Eis zu gewöhnen. Gar nicht so einfach. Ich bin mal gespannt, wie kalt es dann morgen in Lappland wird. Aber freuen tu ich mich auf jeden Fall. Hier hört also vermutlich nächsten Montag wieder von mir, bis dahin gute Zeit und ein schönes Wochenende!